Flexstrom-Pleite und der Strommarkt: Wie können sich Stromanbieter in Deutschland positionieren?

Vergangene Woche hat der Stromanbieter Flexstrom Insolvenz angemeldet, betroffen sind geschätzte 600.000 Kunden. Nach eigenen Angaben ist der Stromanbieter zwar profitabel, aber zahlungsunfähig. Andere (also Kunden, Netzbetreiber, Medien, das Wetter) hätten Schuld an der misslichen Lage. Diese wirft aber auch die Frage auf, wie es überhaupt um den Wettbewerb auf dem deutschen Strommarkt bestellt ist. Wie können sich Stromanbieter positionieren, wettbewerbsfähig sein? Tatsächlich ist dies ein Problem. Denn es gibt eigentlich nur zwei Strategien: über den Preis oder ein Sonderprodukt, wie Ökostrom. Die einzige Chance für einen Stromanbieter überhaupt wahrgenommen zu werden.
Das Flexstrom-Modell: wackligen Beinen
Dass ein Unternehmen in den ersten Geschäftsjahren rote Zahlen schreibt ist an sich nichts ungewöhnliches. Dass Flexstrom nach eigenen Angaben seit 2009 Gewinne erwirtschaftet und nun dennoch nicht liquide sein soll wundert da schon mehr. Wie der bereits vor einiger Zeit Pleite gegangene Stromanbieter TelDaFax setzt Flexstrom auf Vorauskasse-Tarife. Soll heißen: ein Kunde zahlt seinen Strom für drei bis zwölf Monate im Voraus, nach einem Jahr wird dann abgerechnet. Wird nun mehr Strom verbraucht als anvisiert muss der Stromanbieter mehr Strom einkaufen – er erhält diese Mehrauslagen jedoch erst nach der nächsten Stromabrechnung, muss also in Vorleistung gehen. Gut, bei ein paar Hunderttausend Kunden und einem strengen Winter kann dies schon mal teuer werden. Doch muss ein Unternehmen so etwas wie einen langen Winter nicht einkalkulieren? Schließlich sind wir hier in Deutschland, nicht in Kalifornien. Die eigentlichen Probleme hatte Flexstrom wohl eher mit anderen Sachen. Die Medien und deren negative Berichterstattung werden daher ebenso als Schuldige für die jetzige Insolvenz herangezogen. Tatsächlich ist Flexstrom bereits vor einigen Monaten ein wichtiger Vertriebspartner weggebrochen, das Verbraucherportal Verivox hat seine Zusammenarbeit mit Flexstrom aufgekündigt. Und dessen Tarife verbraucherschutzfreundlicher Richtlinien nicht mehr so dargestellt, dass diese in den obersten Ergebnissen des Stromrechners auftauchten. Tatsächlich warb Flexstrom mit einem Neukundenbonus, welcher nach dem ersten Vertragsjahr ausbezahlt wurde. Allerdings nur, wenn der Vertrag weiter lief, der Kunde nicht kündigte. Da so manch ein Flexstrom-Tarif ab dem zweiten Bezugsjahr jedoch deutlich teurer wurde haben viele Kunden gekündigt – und Flexstrom weigerte sich, den Neukundenbonus auszubezahlen. Somit ist dieser eigentlich ein Treuebonus, darf so im Stromrechner und bei der Berechnung von Stromkosten im ersten Bezugsjahr keine Relevanz finden.
Heute könnte man nun vermuten, dass Flexstrom nicht gerade erst seit vergangener Woche Probleme mit seiner Liquidität hatte. Diesen Verdacht könnte man auch Berichterstattungen entnehmen, welche über nicht bezahlte Rechnungen von Netzbetreibern an eine Flexstrom-Stromtochter berichten, worauf Netzbetreiber die Zusammenarbeit beendet haben.
Zurück zum Problem der Stromanbieter auf dem deutschen Markt: findet die Positionierung alleine über den Preis statt, so muss gut kalkuliert werden. Flexstrom selbst hat den Preis im ersten Bezugsjahr so tief angesetzt, dass hier kein Gewinn erwirtschaftet wurde. Erst ab dem zweiten Jahr war dies der Fall – hier jedoch haben viele Kunden bereits wieder gekündigt. Kündigen zu viele nach dem ersten Jahr, dann geht die Rechnung einfach nicht auf.
Gerade bei Billigstromanbietern ist immer wieder zu beobachten, dass auch am Service gespart (werden muss). Neukunden finden sich alleine über den Preis, spätestens wenn es um Probleme bei Abrechnung oder Kündigung geht ist der Ärger jedoch oftmals groß. Dabei mangelt es bereits an kompetenten, geschulten Servicekräften, Strukturen und Kommunikation sind unausgereift, nervenaufreibend. Negativbewertungen und eine schlechte Reputation sind die Folge – gerade in Zeiten des Internets fatal. Dies muss wieder ausgeglichen werden um dennoch an neue Kunden zu kommen – mit einem noch günstigeren Preis oder teurer Werbung.
Positionierung über Ökostrom
Heute bietet wohl fast jeder Stromanbieter auch Ökostrom an. Längst jedoch ist bekannt, dass darunter auch so manch “schwarze Schafe” zu finden sind. Der Ökostromtarif steht nicht wirklich für Nachhaltigkeit, es handelt sich manchmal lediglich um neu etikettierten Normalstrom. Glaubwürdigkeit ist hier wichtig, und einige Stromanbieter in Deutschland konnten sich erfolgreich in diesem Segment positionieren. Für neue Versorger wird dieses Vorhaben natürlich nicht einfacher. Wer wirklich nachhaltigen Ökostrom anbieten möchte, der kann sich auch nicht im Billigpreissegment bewegen. Was gleichzeitig bedeutet, dass er sich in einer Nische befindet, welche nicht die breite Masse anspricht. Zwar kann man auch hier mittels positivem Renommee und klarem Konzept neue Kunden gewinnen, doch kommt auch hier immer mehr der Stromrechner zum Einsatz.
Stromanbieter in Deutschland – einige konnten sich etablieren
Seit der Marktliberalisierung im Jahre 1998 konnten sich bereits einige Stromanbieter gut etablieren. Beim Großteil der Versorger handelt es sich jedoch nicht um unabhängige Stromanbieter, vielmehr finden sich darunter zahlreiche regional aktive Stadtwerke und einige Tochtergesellschaften der großen deutschen Energieversorger. Darüber hinaus jedoch zeigt eine Liste der Stromanbieter in Deutschland auf, dass unter ihnen auch einige unabhängige, bundesweit aktive Versorger zu finden sind. Und diese Vielfalt auf dem deutschen Strommarkt macht es für den Verbraucher interessant, sich nach Alternativen umzusehen. Tatsächlich sollte dieser es häufiger tun, denn nur wenn wir Verbraucher auch wechselbereit sind nimmt dies Einfluss auf die Angebotsvielfalt auf den Markt, und auch auf die Preisgestaltung.
